Kölner Kammerorchester

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Datum: 11.01.2017

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Eine Folge heftiger Klangexplosionen

KONZERT Das Kölner Kammerorchester und Reinhard Goebel

Reinhard Goebel und das Kölner Kammerorchester kamen bereits Ende der 70er Jahre zusammen - in der kurzzeitigen "Originalklang"-Phase des Orchesters. Danach trennten sich die Wege: Goebel wurde mit seinem Ensemble "Musica Antiqua Köln" zur Avantgarde der historischen Aufführungspraxis in Deutschland, das Kölner Kammerorchester kehrte zum raumfüllend-gerundeten Klang der modernen Instrumente zurück. Nun schritt man in der Philharmonie gemeinsam "mit Bach ins neue Jahr". Das Programm umfasste Longseller wie die dritte und vierte Orchestersuite sowie das Brandenburgische Konzert Nr. 3, daneben den (entvokalisierten) Eingangschor der Kantate "Höchsterwünschtes Freudenfest" sowie ein von Goebel selbst zusammengestelltes "Pasticcio-Konzert" für Violine und Oboe, das freilich keines war: Die tüchtigen Solisten Zuzana Schmitz-Kulanova (Violine) und Tom Owen (Oboe) konzertierten satzweise alternierend und im Finale gar nicht mehr.

Spannend und aufschlussreich war an der gebotenen Werkauswahl vor allem die Vielfalt der Besetzungen und orchestralen Texturen. In der dritten Suite sorgte der Einsatz von Pauken und Trompeten weniger für den gewohnten barocken Festglanz als für eine Folge heftiger Klangexplosionen, die das figurative Innenleben wie seismische Wellen überlagerten. Goebels nachdrücklich fordernde Dirigiergestik bewirkte fraglos ein hochenergetisches Musizieren, zerrte aber unablässig alle Ereignisse in den Vordergrund. So irritierte in der berühmten "Air" weniger die rasche Gangart als der Mangel an Durchlässigkeit und Flexibilität. Im dritten Brandenburgischen Konzert ging Goebel dann ans absolute Tempolimit. Das absurd überhastete Finale wurde von den neun ausgezeichneten Streichersolisten zunächst noch mit sportlichem Ehrgeiz in Angriff genommen, im weiteren Verlauf ging es mit Trennschärfe und Intonation aber deutlich bergab. Auf diese Weise macht man Musik nicht lebendig, man reitet sie zu Tode.

(Stefan Rütter, Kölner Stadt-Anzeiger, 11. Januar 2017)